Kritik Projekt 7 SWT
Für die Musik
Oikomusica-Benefiz für die Tropenklinik
Tübingen. Mächtige Blechbläserakkorde, breit auslaufend wie Bugwellen, ein unerbittlich anschwellender Choral, der in der Pauke drohend nachbebt. Sibelius‘ „Finlandia“ war ein starker Einstieg und ein glänzender Auftritt zumal für die Blechbläser des Tübinger Orchesters Oikomusica (Konzertmeisterin: Vera Schmidt). Gastdirigent Hannes Krämer entfesselte eine ungeheure Energie, ließ das Fortissimo auf der Spitze im allerletzten Moment noch weiter crescendieren. 1899 im unterdrückten Finnland entstanden, beschwört Sibelius‘ Tondichtung den Gemeinschaftsgeist, die unbesiegbare Hoffnung, die schließlich hymnisch aus brodelnder Bass-Tiefe aufsteigt. Gleich nach dem ersten Werk brach im sehr gut besuchten Uni-Festsaal begeisterter Beifall aus. Wie immer für einen guten Zweck, musizierte Oikomusica am Sonntag für den Palliativ-Bereich des Paul-Lechler-Krankenhauses, den Teamleiterin Sigrid Neher den Zuhörern vorstellte.
Auf Schumanns berühmtes Klavierkonzert hatte im Jahr seines 200. Geburtstags wohl mancher spekuliert. Über persönliche Kontakte hatte Oikomusica für den Solo-Part den Pianisten Clemens Teufel gewonnen, Meisterschüler von Prof. Lev Natochenny in Frankfurt. Teufel sprang mit Verve in die eröffnenden Klaviergesten hinein, das Orchester antwortete mit verschleierter, in sich zurückgezogener Melancholie, schon eine Vorausahnung der nächsten Klavier-Phrase. So wechselte der Dialog paritätisch hin und her. Dirigent Krämer koordinierte vorausschauend den äußerst heiklen, kleinteiligen Wechsel zwischen Klavier und Orchester. Manches geriet auf dem Bechstein ein wenig hart, im Fortissimo auch wuchtig. Träumerischer, feiner war die Solo-Kadenz, freier danach das Intermezzo. Ganz in seinem Element war Teufel im letzten Satz mit schwindelerregenden Akkordbrechungen und unerwarteten Taktverschiebungen.
Bei Dvoráks Achter Symphonie musizierte das Orchester in der vollen Besetzung von rund 70 Spielern. Krämer zeigte wieder sein Gespür für die richtigen Tempi, für sinnvolle Zäsuren und Phrasierungen. Am meisten faszinierten hier die naturhaften Stimmungen, besonders der zweite Satz mit seiner schattigen Dämmeratmosphäre von romantischer Waldeinsamkeit, in die unvermittelt verzweifelte Hornrufe einbrechen. In den ersten Takten warfen die Streicher eine schwerelose Linie in die Luft wie eine breite Tuchbahn, die langsam und seidig niedersank, nur ein Hauch von Klang. Auch im Kopfsatz beeindruckte das ansatzlose Pianissimo, die gleitende Überlagerung verschiedener Orchesterschichten. Momenthaftes Glück im weit ausschwingenden Walzer-Scherzo, scharfe dynamische Schnitte und gekonnte Tempowechsel im Finale. Der Beifall wollte gar nicht mehr enden. Aber Krämer verzichtete nach diesem beachtlichen Programm zu Recht auf eine Zugabe.
Bei den beiden Konzerten am Samstag in der Nürtinger Kreuzkirche und am Sonntag in der Neuen Aula spielte Oikomusica für die Tropenklinik insgesamt 4.000 Euro ein. Damit soll die Honorarstelle einer Musiktherapeutin in der Palliativpflege mitfinanziert werden. ach
INFO: Weitere Spenden können unter dem Stichwort „Palliativschwerpunkt Paul-Lechler-Krankenhaus“ auf das Spendenkonto 211 411 (KSK Tübingen) eingezahlt werden.