Probenbericht Projekt 7
Unter dem Dach der Musik
Oikomusica probt mit Gastdirigent Hannes Krämer und selbstgebackenen Brötchen
Am Sonntag musiziert das Tübinger Benefiz-Orchester Oikomusica wieder für einen guten Zweck: diesmal den Palliativ-Bereich des Paul-Lechler-Krankenhauses. Auf dem Programm stehen Sibelius‘ Tondichtung „Finlandia“, Dvoráks Achte Symphonie und Schumanns Klavierkonzert – zu dessen 200. Geburtstag.
Achim Stricker
Tübingen. Den Wirkungskreis von Musik über den Konzertsaal hinaus ausweiten, das Gemeinschafterlebnis eines Konzerts mit möglichst vielen Menschen teilen – das war die Grundidee von sechs Tübinger Studierenden, die im Dezember 2006 ein ganz besonderes Orchester ins Leben riefen. Oikomusica – nach dem griechischen Wort „oikos“ für „Hausgemeinschaft“: Gemeinschaft unter dem Dach der Musik.
In seinen bislang sechs Projektphasen hat das Benefiz-Ensemble für karitative Organisationen im In- und Ausland insgesamt an die 20.000 Euro erspielt. Über den Verwendungszweck wird vorab gemeinsam abgestimmt. Meist haben Orchestermitglieder persönliche Bezüge zu den jeweiligen Projekten, etwa über den Zivildienst, ein soziales Jahr oder freiwillige Hilfseinsätze in Krisengebieten.
Oikomusica ist ein offenes Projektorchester für junge Musiker, die sich für einen sozialen Zweck engagieren wollen. Zugleich ist das Ensemble ein perfekt organisiertes Netzwerk mit einem riesigen Adressenpool potentieller Mitspieler, die für die jeweiligen Programme angefragt werden. Auch rare Instrumente können problemlos aus den eigenen Reihen besetzt werden. In den fünf Jahren hat sich Oikomusica als Tübinger Institution etabliert, so dass auch andere Orchester aus der Region öfter mal wegen Kontaktvermittlungen anklopfen.
Jeder kennt jemanden, der wieder jemanden kennt. So setzt sich die Idee fort. Längst ist das Netzwerk weit über den ursprünglichen Tübinger Kern hinausgewachsen. Zu den Probenphasen kommen die Spieler aus allen Ecken der Republik, auch aus dem europäischen Ausland – und bringen gleich noch Kommilitonen mit, die Feuer gefangen haben.
Mit seiner Idee gewann Oikomusica auch Gastdirigent Hannes Krämer sofort für sich: „Da steht ein unglaublich toller Gedanke dahinter. Das ist schon was Besonderes. Ich bin sehr beeindruckt von dem Geist, der hier zu spüren ist.“ Vor ziemlich genau einem Jahr hat er mit Oikomusica Schumanns Vierte Symphonie und Mozarts Bläser-Concertante einstudiert. Und es war keine Frage für Krämer, Geiger bei den Bamberger Symphonikern und Dirigent der Jungen Deutschen Philharmonie, dass er sich für dieses Projekt wieder zwei Wochenenden und eine ganze Woche intensive Probenarbeit Zeit nehmen würde. Ehrenamtlich wie alle hier. Die Atmosphäre im Pfleghofsaal ist herzlich, humorvoll, kollegial. Trotzdem lässt Krämer nicht locker, bleibt beharrlich, wenn Tempo und Intonation noch nicht sitzen: „Legatissimo! Ja, das Leben ist hart! Hörner – weniger Wagner und mehr Rossini an der Stelle!“ Und Krämer kennt wirklich jeden einzelnen mit Namen.
Im Kopfsatz von Dvoráks Achter Symphonie geht es um die Feinabstimmung. Moderner Instrumentenbau und heutige Orchesterstärke haben die Klangqualität so stark verändert, dass die dynamischen Angaben der Romantik nur noch relative Geltung haben. Ein Mezzoforte in der Oboe bedeutet heute etwas anderes als 1890. Und Romantik meint nicht zwangsläufig „Rubato“: Gerade die Übergangsstellen müssen „mechanisch wie ein Uhrwerk durchlaufen, nicht langsamer werden, ohne Akzente artikulieren!“
Da ein Großteil der Spieler studiert, finden die Projekte in den Semesterferien statt. Allerdings bedeutet das für einige auch Prüfungszeit, Klausuren und Hausarbeiten. Wird mal in einem Satz keine zweite Flöte oder keine Posaune gebraucht, werden Lehrbücher gezückt und nebenher Prüfungsstoff gepaukt. Besonders stolz ist Oikomusica auf seinen hohen Anteil Musikstudierender – bei diesem Programm die Hälfte der 65 Spieler. Mit einem guten Sechstel sind diesmal mehr Tübinger Musikschüler dabei als sonst schon.
Das Engagement wirkt allerorts ansteckend. Die Bäckerei Gehr hat Oikomusica spontan eine Kooperation angeboten: Die Orchestermitglieder dürfen sich täglich in der Großbäckerei in der Sindelfingerstraße kostenlos ihre eigenen Brötchen backen, inklusive einer professionellen Einführung in die Brezel-Schlingentechnik.
Clemens Teufel, Solist in Schumanns Klavierkonzert, kam ebenfalls über freundschaftliche Kontakte zu Oikomusica. Zur Probe ist er aus Frankfurt angereist, wo er in der Meisterklasse von Prof. Lev Natochenny studiert. Kein bisschen ist ihm anzumerken, dass er fünf Stunden Stau hinter sich hat, sobald er den Steinway unter den Fingern hat. Geprobt wird der Mittelsatz, das Intermezzo. Hier muss sich das Orchester besonders auf den Pianisten einhören, aktiv in einen Dialog hineingehen, Bälle aufnehmen und wieder zurückspielen.
Zwischendurch schaut Dr. Johann Jakob, Facharzt für Innere Medizin im Palliativ-Team der Tropenklink, vorbei und stellt das Förderprojekt vor. Mit den Spenden der Benefizkonzerte soll die Stelle einer Musiktherapeutin mitfinanziert werden. Musik spielt in der Palliativ-Betreuung von Schwerstkranken und Sterbenden eine große Rolle, wenn es um die bestmögliche Qualität der verbleibenden Lebenszeit geht. Sie kann Ebenen erreichen, wo die Sprache versagt. Ganz im Sinn von Oikomusica: Musik als „Dienst am ganzen Menschen“.
INFO: Oikomusica konzertiert am Sonntag um 18 Uhr im Festsaal der Neuen Aula. Am Samstag um 11 Uhr findet außerdem ein einstündiges „Kinder- und Eltern-Konzert“ mit Ausschnitten aus dem Programm in der Aula des Kepler-Gymnasiums statt. Der Eintritt ist frei.